Sommer Gedanken

Sommer
Sonne
Mond
Sterne
Sternschnuppen
Mondfinsternis
Wärme
Leichtigkeit
Leben
Geborgenheit
Freiheit
Freundschaft
Heimat
Als ich letztes Jahr im September in Israel ankam, war mir so heiß wie nie zuvor in meinem Leben.
Jetzt frage ich mich, ob ich mich an die Hitze gewöhnt habe, oder ob man auch hier den
Klimawandel so drastisch spüren kann wie in Europa und es schlicht und einfac nicht so heiß ist
wie im letzten Jahr.
Ich liebe Sommer. Ich liebe Sonne und Wärme, liebe barfuß laufen, liebe das Gefühl von Licht auf meiner Haut.
Ja, ich wusste immer, dass Winter schwer für mich sind und dass im Sommer alles leichter ist, aber nie habe ich es so gespürt wie hier.
Viele Israelis sagen, im Sommer gibt es die Kriege. Weil die Hitze die Leute irre macht und weil Kriege zu viel Energie kosten, um im Winter gefochten zu werden.
Meinen letzten Eintrag schrieb ich kurz vor dem Beginn des zweiten Fünfmonats-Programms. Das Einleben mit dieser Gruppe war schwer auf eine andere Weise. Ich kannte den Ort, fühlte mich hier sicher und zu Hause, hatte eine kleine Gruppe von Menschen, die ich kannte und liebte. Ich war diejenige, die schon da war.
Trotzdem war es nicht einfach.
Nachdem ich fünf Monate so eng und intensiv mit einer Gruppe von Menschen verbracht hatte, war es nicht einfach, offen zu sein, für neue Menschen.
Außerdem…es war Winter. Ja, der Winter in Israel ist so viel milder als der Winter in Kiel. Aber noch nie habe ich einen Winter im Wald verbracht. Natürlich leben wir in unseren kleinen Gebäuden, aber diese Gebäude sind gebaut für heiße Sommer und das ganze Leben spielt sich draußen ab. Wir müssen raus, um in die Küche zu gehen, raus, um zu pinkeln, geschweige denn zu duschen. Zum Glück war das Wasser meistens warm.
Der Winter war kurz, aber hart. Prasselnder Regen, schneidender Wind, grollender Donner,
manchmal für mehrere Tage. Und keine Sonne. Und das ist eigentlich alles, worum es für mich geht.
Auch im Winter liebte ich diesen Ort. Ich wünschte mir kein einziges Mal woanders zu sein, der Gedanke wäre mir völlig abwegig erschienen. Trotzdem war alles schwer. Aufzustehen war schwer, zur Schule zu gehen war schwer, da zu sein war schwer.
Ich machte To-Do-Listen auf denen Dinge standen wie „aufstehen, Zähne putzen, früchstücken,…“
Es half tatsählich ein bisschen.
Als ich hier ankam war meine größte Sorge ein Teil der Gruppe zu werden. Und ich wurde ein Teil der Gruppe, als ich aufhörte es so sehr zu wollen und begann zu vertrauen.
Mit diesem Wissen, Menschen an meiner Seite, mit denen ich mich super wohlfühlte und meiner winterlichen Motivation unternahm ich Anfangs kaum Bemühungen die Leute der neuen Gruppe kennenzulernen.
Was nicht bedeutet, dass ich sie nicht kannte, ich lebte noch immer mit ihnen auf engstem Raum und hatte eine Menge Zirkel. Aber ich hatte meine Sicherheit und stellte keine Bemühungen an.
Als der Frühling kam und mit ihm die Kraft zurückkehrte begann ich zu bereuen, nicht enger mit den Leuten verbunden zu sein. Doch ich hielt es für zu spät, um das noch zu ändern. Meine Gruppe war die erste, dachte ich.
Aber wieder lernte ich, dass man Teil einer Gruppe werden kann ganz ohne sich anzustrengen. Und vermutlich sogar nur dann.
Denn am Ende war ich eng mit den Leuten verbunden, am Ende war auch diese Gruppe meine Gruppe und ich ein unentbehrlicher Teil. Was ich jedes Mal von neuem in Frage stelle.
Gedanken.
Kreisen viel durch meinen Kopf.
Besonders in den letzten Wochen. Weil plötzlich Platz da ist für eigene Gedanken. Und Ruhe.
Dinge verfestigen sich.
Und andere brechen auseinander.
Der erste Eindruck den ich auf Menschen mache weicht oft weit von dem ab, wie ich mich fühle und wie sie mich später sehen, wenn sie mich kennenlernen. Es ist interessant.
Sha’ar la Adam ist ein Ort, der Menschen zusammenbringt, die ohne diesen Anstoß vermutlich niemals Zeit miteinander verbringen würden.
Wie viele wundervolle Menschen wir verpassen, weil wir auf den ersten Eindruck denken, wir kämen nicht zurecht, seien nicht interessiert, wären zu verschieden…
Wie viele Menschen ich hier so sehr zu schätzen gelernt habe, mit denen ich in jeder anderen Situation vermutlich nie ein Wort gewechselt hätte. Manche von diesen wurden gute Freunde, die ich sicher nie wieder vergessen werde.
Andere Bestandteile meines Lebens, Bruchstücke dieser Zeit in Sha’ar la Adam. Ein unentbehrlicher Teil eines ganzen.
Alle zusammen haben sie geformt, was mein Jahr in Israel sein wird.
Und es gibt kein Atom dieses Jahres, das ich würde umformen wollen.
Der Sommer kam und auch diese Gruppe ging. Yonit und ich blieben. Eine Gruppe aus Ungarn lebte mit uns für eine Woche, eine Gruppe aus aller Welt kam für einen Monat.
Es ist merkwürdig, das Wissen. Leute kommen und gehen und wir bleiben, als wären wir
Bestandteil dieses Ortes. Aber. Am Ende werden auch wir gehen und das Leben wird hier weiter gehen, Faiz wird noch da sein, und andere, und neue werden kommen und dieser Ort wird uns vergessen.
Bewusst.
Aber unbewusst werden wir Teil sein von Sha’ar la Adam für immer, denn wir sind Teil der Geschichte, so wie jeder Mensch, der mir begegnet, Teil meiner Geschichte ist. Unentbehrlich.
Der Sommer ist ruhig. Obwohl ich viel arbeite, viele Menschen kommen und gehen.
Ich bin ruhiger als zuvor.
Ich arbeite hauptsächlich in Beit Elisha, noch immer im Pferdestall.
Jeden Tag dort zur Arbeit zu gehen macht einen himmelweiten Unterschied dazu nur einmal pro Woche zu gehen.
Und ich bin so dankbar für diese Erfahrung.
Solange ich einmal in der Woche kam, war ich ein Gast. Ja, über die Monate, langsam, wurde ich mehr und mehr Bestandteil des Workshops, erntete mehr und mehr Vertrauen und auch zu wie sich langsam etwas entwickelte, war schön. Aber wenn ich jeden Tag komme bin ich fester Bestandteil des Teams. Zu sehen, wie viel Vertrauen
mir nun entgegengebracht wird ist eines der besten Dinge, die mir hier passiert sind.
Plötzliche beginne ich jedes hebräische Wort zu nutzen, das ich habe, auch wenn es wirklich nicht viele sind. Plötzlich hören die Member mir zu, fühle ich mich sicherer.
Die Verantwortlichen vertrauen mir die Verantwortung für kleinere und deutlich größere Dinge an und das zu spüren, zu spüren, dass sie das Gefühl haben, ich bin schon ein Jahr hier und ich weiß, was ich tue, dass sie mir vertrauen, macht mich so glücklich.
Auch die Pferde vertrauen sie mir an. Ich reite viel und es ist eine Freude.
Ein Punkt, an dem ich merkte, dass ich pötzlich viel mehr Bestandteil von Beit Elisha war als zuvor war als ich begann ab und zu Abends die Tiere zu füttern. Plötzlich war ich da. Nicht mehr nur eine der Freiwilligen aus dem Wald, der immer nur so halb zu Harduf gezählt wird.
Während ich die oberen Zeilen schrieb kamen ein paar Kinder aus Kaabiiyah zu Besuch. Ein Mädchen war eine meiner Schülerinnen. Sie sagten hallo, wie gehts dir, saßen eine Weile neben mir auf der Bank und gingen, als ihnen die Stille zu unangenhem wurde.
Viele neue Dinge starten. Und zu viele Dinge enden.
Aber das ist der Lauf der Dinge.
In ungefähr drei Wochen werde ich zurück nach Deutschland fliegen. Tage zählen tue ich nicht.
Manchmal kann ich meine Gedanken nicht hier halten. Dann fliegen sie umher wie aufgebrachte Insekten und versuchen in die Zukunft zu gelangen. Machen mich ruhelos wie das Brummen etlicher Fliegen, das ich kaum ertragen kann.
Oft bin ich ruhig und glücklich, hier zu sein. Kann in der Gegenwart bleiben, mehr als vielleicht jemals zuvor. Denn die Gegenwart ist schön.
Und im Grunde ist sie alles, was wir jemals haben werden.
Yonit bläst Seifenblasen aus der Tür des kleinen Wohnzimmers. Ich sitze auf der Bank ein paar Meter entfernt, ihr zugewandt. Sie fliegen direkt auf mich zu und tanzen um mich herum. Im Sonnenlicht leuchten sie regenbogenfarben.

Arbeit und Anderes

Unsere Arbeit ist vielfältig und unsere Abende sind gefüllt mit Programm.

Sonntags und Donnerstags arbeiten wir in vier Schulen (Klassenstufen 3 bis 6) in den umliegenden Beduinen Dörfern.

Ich arbeite mit vier anderen Freiwilligen in Kaabiiyah, dem nächstgelegenen Dorf. Da Sha’ar la Adam auf einem Hügel liegt, grenzt es an die obersten Ausläufe Kaabiiyahs. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag laufen wir vier runter ins Tal, bis zur Schule ist es etwa eine halbe Stunde.

Ich liebe es zu laufen, auch wenn es im Sommer, unter der um 9:00 bereits brennenden Sonne, so heiß ist, dass wir völlig durchnässt in der Schule ankommen und wir im Winter gegen Wind und manchmal Regen ankämpfen müssen.

Der Weg führt uns durch unseren Nachbarteil des arabischen Dorfes und dann hinunter ins Tal, mit Blick auf das restliche Dorf und die umliegenden Hügel.

Als unser Dienst begann, war die Abkürzung, die wir benutzten, um die Kurve in der Straße zu umgehen, ein schlitteriger Pfad zwischen Büschen und einer Menge Müll. Heute gibt es einen gepflasterten Pfad den Hügel hinunter, ein Großteil des Mülls ist verschwunden und an der „Promenade“ mit Blick auf das Tal gibt es Bänke und Picknicktische. (Auch wenn wir diese kaum jemals in Gebrauch sehen).

Die Englischlehrerin, mit der wir in Kaabiiyah zusammenarbeiten, heißt Waala und ist das Beste, was uns hätte passieren können.

Waalas Schüler lieben sie und wenn andere Lehrer schreien, bleibt sie ruhig. Ich habe sie noch nie ihre Stimme heben gehört und die Kinder tun was sie will, größtenteils ohne zu murren.

Die meiste Zeit schickt Waala uns Gruppen von Schülern, um die Aufgaben, die sie mit der Klasse macht, intensiver zu bearbeiten. Jeder von uns bekommt ein bis fünf Schüler zugeteilt und wir arbeiten mit Büchern oder Worksheets, oder wir bekommen Themen zu bearbeiten, spielen Lernspiele, singen Lieder oder tun was uns sonst so einfällt, um das Lernen zu erleichtern.

Waala hat einen winzig kleinen Englischraum, in dem wir so viel Zeit wie möglich verbringen, da er bedeutend gemütlicher ist, als der Rest der Schule. Der Boden ist teppichflauschig und die Wände behangen mit Bildern und Lernhilfen, es gibt Bücher zum Vorlesen und eine kleine Tafel. Jetzt, im Winter, gibt es dort sogar einen kleinen Heizlüfter, weshalb wir meistens versuchen mit so vielen Kindern wie möglich in dem Raum zu arbeiten.

Was wir außerdem tun, ist das Korrigieren von Tests. Eine angenehme Arbeit, wenn man müde ist und nicht wirklich genug Energie hat, eine Gruppe Kinder zum Arbeiten zu motivieren.

Dann sitzen wir auf weichem Teppichboden, reden und freuen uns über jedes richtige Ergebnis.

Die Kinder sind laut, voller Energie und oft am Streiten. Die meiste Zeit sind die Rangeleien Spaß und wir lassen es geschehen.Trotzdem ist „Challas!“ (genug), ein Wort, das wir häufig gebrauchen.

Besonders die Mädchen hängen in den Pausen an uns und die Jungs kommen vorbei, um uns abzuklatschen.

Manchmal ist es harte Arbeit eine Gruppe Kinder zum Arbeiten zu motivieren, manchmal sogar schwer genung, sie um uns versammelt zu behalten, geschweige denn auf ihren Plätzen. Aber größtenteils wollen die Kinder mit uns Zeit verbringen.

Gelegentlich laufen wir zurück, mit einem Falafel vom Shop gegenüber der Schule in der Hand.

Mittwoch ist unser Beit Elisha Tag.

Beit Elisha ist die sozialtherapeutische Einrichtung des Kibbutz Harduf.

Wir arbeiten in fünf verschiedenen Workshops, jeweils zu zweit oder zu dritt.

Ich arbeite im Pferdestall, zusammen mit Lucy. Die anderen arbeiten mit den kleinen Tieren (Ziegen, Esel, Hühner, Kaninchen), im Garten, der Keramik und der Bäckerei.

Dass ich im Stall arbeiten kann war eine Überraschung und ebenfalls das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte so sehr gehofft, dass es irgendwo in der Umgebung Pferde geben würde, die ich zumindest regelmäßig anschauen könnte. Gewusst, dass es einen ganzen Stall voller Pferde in Harduf gibt, hatte ich nicht.

Unsere Aufgabe im Stall ist es, die Member, (die Betreuten), bei ihren alltäglichen Aufgaben zu unterstützen. Wir misten die Boxen, säubern die „Arena“, die gleichzeitig Padock und Reitplatz ist, striegeln die Pferde, bereiten sie für Reitstunden vor, helfen bei Reitstunden, indem wir Pferde führen, gehen grasen oder machen Spaziergänge und füttern die Tiere.

Dazu kommen anfallende Arbeiten, die jede Woche unterschiedlich sind.

Mit Pferden zu arbeiten, sie zu sehen, zu riechen, zu striegeln, wenn auch nur im Pferdemist zu stehen, war schon ausreichend für mich, um mich jede Woche etwas glücklicher zu machen. Aber seit der Chef des Workshops gewechselt hat, darf ich sogar reiten!

Im Stall sprechen beinahe alle Member Englisch. Das erleichtert die Arbeit eine Menge, wenn es auch dafür sorgt, dass wir nicht zwangsläufig Hebräisch lernen. Trotzdem ist es schön, sich unterhalten zu können.

Die meisten Member im Stall sind uneingeschränkt selbstständig, nur wenige haben einen ständigen Betreuer mit sich.

Auch wenn wir quasi Mitarbeiter sind, stehen wir nicht wirklich über den Membern. Diejenigen, die schon lange im Stall arbeiten und Englisch sprechen, erklären uns gerne, was wir zu tun haben. Besenstrich für Besenstrich 🙂

Die Atmosphäre ist sehr angenehm, auch wenn es manchmal kleine Ausraster gibt. Die Angestellten sind entspannt und haben eine Menge Humor und es ist schön sie im Umgnag mit den Membern zu beobachten. In einer warmen Art, aber nicht zu übergreifend und viel Freiraum lassend und jede Woche schaffen wir es alle Aufgaben, die ja nun einmal erledigt werden müssen, zu erledigen.

Wir nehmen jede Woche an der Frühstückspause teil und essen gemeinsam Mittag. Danach helfen wir ein bisschen beim Aufräumen und unser Arbeitstag ist beendet.

Morgen, am Sonntag, sind Lucy und ich zur Geburtstagsfeier eines Members eingeladen. Wir planen eine kleine einstudierte Star Wars Kampfszene aufzuführen. Letzte Woche brachte er seine Lazerschwerter in den Stall und forderte uns auf gegeneinander anzutreten. Es war eine der lustigsten Sachen überhaupt.

Dienstag ist Forestday. Der Begriff „Waldtag“ erinnert mich an meine Kindergartenzeit. Und was wir hier tun, hat erstaunliche Ähnlichkeit mit meinen damaligen Waldtagen. Wir verbringen den Tag im Wald, machen zwar keine Frühstückspausen, aber trinken Wasser und jeder Forestday wird von Faiz mit einem Circle eröffnet. Hat also Ähnlichkeit, auch wenn wir nicht (nur) spazierengehen und auf Bäume klettern.

Wir tun alle anfallenden Arbeiten in unserem Wald, die anfallen (haha, macht Sinn nicht wahr?).

Da im Sommer aufgrund massiver Waldbrände in Israel eine Menge Bäume gefällt werden mussten, war der Wald zu Beginn unseres Dienstes ziemlich „balagan“.

Inzwischen haben wir ein Netzwerk aus hübschen kleinen Pfaden geschaffen und eine Menge des Mülls entfernt. Wir haben Zelte für die „Forestpeople“ gebaut und isoliert, eine Sukkah errichtet und wieder abgebaut.

Forestdays sind immer harte Arbeit und angenehm befriedigend, denn am Ende können wir sehen, wie viel wir geschafft haben.

Faiz hat einen Jeep und einen kleinen Anhäger und oft laden wir den Anhänger voll mit Schrott und fahren zum Müll in Harduf, wo wir all den Schrott im hohen Bogen vom Anhänger in einen Container werfen.

Beim Aufbau der Sukkah trat ich in zwei Nägel. Es verheilte innerhalb weniger Tage.

Beim Abbau der Sukkah fiel ich fast vom Dach des Bunkers und verlor einen Fingernagel. Das ist noch nicht verheilt.

Ich liebe Forestdays. (Ernsthaft).

Seit ein paar Monaten gehen wir an Montagen nicht mehr zu unseren Schulen. Ein paar Leute unterrichten zusätzlich in einer Beduinen Highschool, ich und ein paar weitere arbeiten in Gan Habeit, der biologisch-dynamischen Farm Hardufs.

In Gan Habeit arbeiten keine Member. Stattdessen leben und arbeiten dort ständig wechselnde WWOOFer (world wide opportunities on organic farms) und jeden Vormittag kommen für ein paar Stunden Teilnehmer des Projektes Cheram, einer Einrichtung für Erwachsene mit traumatischen Erfahrungen und Depressionen.

Mit den WWOOFern auf dem Feld zu arbeiten, die Hände zu benutzen, aber den Kopf nicht zu brauchen, ist eine unglaublich wertvolle Abwechselung. Die Arbeit ist hart und oft mit Zeitdruck verbunden, aber trotzdem haben alle Spaß bei der Sache. Darüber hinaus ist das Frühstück in Gan Habeit einmalig 🙂

An den Wochenenden (Freitag, Samstag) arbeiten wir nicht, haben aber jedes zweite Wochenende „Group Weekend“. An diesen Wochenenden bleiben wir zuhause, feiern gemeinsam Kabbalat Shabbat, kochen ein Shabbat Dinner und essen gemeinsam. An Shabbat haben wir unterschiedliche Gruppenaktivitäten (Wanderungen, Ausflüge…) sowie Beit Midrash.

Ursprünglich sollte jedes Wochenende eine oder mehrere Personen eine Aktivität anleiten. Ein Wochenende machten wir eine Talentshow. Yonit und ich entwickelten innerhalb von drei Stunden eine Eurythmie Choreografie zu einem Musikstück aus „Ziemlich beste Freunde“ und führten sie auf. Wir waren allein im Theater und nach so langer Zeit und dazu freiwillig Eurythmie zu machen machte richtig Spaß.

Jedes zweite Wochenende ist frei und wir sind frei und eingeladen wegzufahren. Meistens putzen wir Donnerstag nach der Schule und fahren dann mit dem Bus nach Haifa Lev Hamifratz und von da aus weiter. (Oft nach Tel Aviv).

Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, dass wegen Shabbat von Freitag Mittag bis Samstag Abend so gut wie keine Busse oder Züge fahren, sind die öffentlichen Verkehrsmittel in Israel verglichen zu Deutschland super günstig und einfach zu gebrauchen.

Neben der Arbeit haben wir eine Menge anderer Aktivitäten. Drei Tage pro Woche haben wir Sprachunterricht, Arabisch und Hebräisch (beides jeweils einmal plus ein Tag im Wechsel). Arabisch unterrichtet Faiz, unsere Hebräischlehrerin kommt aus Harduf.

Außerdem haben wir einmal pro Woche Coexistence. Zumeist kommen Faiz und Yakov, manchmal erzählen sie uns über bestimmte Geschehnisse in Israel in den vergangen Jahren oder persönliche Erfahrungen, manchmal diskutieren wir ein Thema.

Das Ziel ist es, uns die Situation in Israel realistisch näherzubringen, ohne Daten und Taten auf den Tisch zu hauen, ohne Schuld zuzuteilen oder zu werten.

Ebenfalls einmal pro Woche (plus jeden zweiten Samstag) haben wir Beit Midrash. Dort lernen wir alles mögliche im Zusammenhang mit dem Judentum, über Feste, wenn Feste anstehen, oder über allgemeinere Dinge. Manchmal weichen die Themen aber auch weiter ab. Wir sprachen zum Beispiel über die IDF und machtehn verschiedene Übungen/Spiele, um uns über uns selbst klarer zu werden.

Ein großer Bestandteil unseres Programms ist Theater. Über die ersten vier Monaten hatten wir ebenfalls einmal pro Woche und an jedem Gruppenwochenende Theater. Wir begannen mit intensiven Sprach-, Bewegungs- und Improvisationsübungen unter Liors und Yakovs Anleitung.

Teil des TEN Programms ist es ein dreisprachiges (Englisch, Hebräisch, Arabisch) Theaterstück auszusuchen, zu entwickeln, zu proben und aufzuführen, sowohl für die Schulen, als auch für Harduf.

Wir wählten „The Jungle Book“.

Über die letzten Wochen wurden unsere Proben deutlich intensiver, letzte Woche probten wir beinahe jeden Tag und oft für zwei bis drei Stunden, nächsten Mittwoch ist die erste Aufführung.

Ich mochte Theater schon immer, aber ich bin außerdem ziemlich schüchter, also wollte ich eine kleine Rolle mit wenig Text. Meine Rolle ist perfekt und auch wenn die Proben oft hart und spät in der Nacht sind, macht es mir großen Spaß. Ich bin ein ziemlich irrerAffe 🙂 Da es kein Offstage gibt, bin ich immer auf der Bühne, meistens als Baum. Ich habe wilde Kampfszenen, kann ausrasten und Angst machen und rede außerdem hauptsächlich Arabisch, was mir gefällt.

Neben der Arbeit und diesen Aktivitäten haben wir eine Menge spontane Meetings und Circle. Da Faiz Circle liebt, gehen die Circle von, „von 1 bis 10, wie war den Tag“, wenn wir keine Zeit haben, bis zu ernsthaften Gesprächsrunden, die Stunden in Kauf nehmen, wie „etwas über dich, dessen du dir bewusst bist und das andere eventuell beeinflussen könnte“ oder „etwas, dass du einmal gemacht hast und nie wieder tun möchtest“, oder „eine Periode oder Person in deinem Leben, die etwas verändert hat“.

Durch diese Circle lernten wir uns nach und nach, auch bevor die Biografien starteten, immer besser kennen, außerdem lernten wir, über Dinge zu sprechen, über die wir normalerweise nicht sprechen würden. Und, was für mich besonders wichtig war, ehrlich zu sein. Das Wissen, dass was immer du sagst in diesem Raum und unter diesen Menschen bleibt und dass du sagen kannst was du willst und alles, was du bekommen wirst, Verständnis ist, ist ein unglaublich wertvolles Gefühl. Ein Gefühl voller Vertrauen, Zusammenhalt und Geborgenheit. Dieses Gefühl führte dazu, dass ich ehrlich sein wollte! Einfach weil ich konnte. Weil ich die Wahrheit sagen und sehen konnte, was sie bewirkt.

Es war unglaublich schwer für mich. In einem Kreis mit Menschen zu sitzen und über mich selbst zu reden, dazu auf Englisch, war so ziemlich das schlimmste, was mir hier passieren konnte. Am Anfang war es schon Folter meinen Namen oder eine Nummer (1 bis 10) zu sagen. Langsam, ganz langsam, gewöhnte ich mich daran. Und mehr und mehr wuchs der Wunsch in mir, ehrlich zu diesen Leuten zu sein. Ich wollte, dass sie wussten, warum ich mich verhielt, wie ich mich verhielt, wollte wissen, was sie über meine Gedanken dachten, wenn ich sie dann mal aussprach, denn Gedanken habe ich eine Menge.

Ich kann nicht behaupten, dass es mir jetzt leichtfällt, in einem Circle etwas zu sagen. Es ist immernoch eine Herausforderung und gelegentlich eine Überwindung, aber jetzt ist es okay, dass es unangenehm ist, es ist okay, wenn das offensichtlich ist und es ist sogar okay zu sagen, „sorry, I can’t“.

Meine größte Angst war, dass die Anderen denken würden, ich sei komisch. Jetzt weiß ich, dass jeder von ihnen Probleme hat, die mindestens so groß sind wie meine, dass wir alle komisch sind, und stolz darauf, und dass niemand mich dafür verurteilt. Wenn ich jetzt falle, weiß ich, dass sie mich auffangen.

Ein großer Schritt in diese Richtung war „Biography“. Ein weiterer wöchentlicher Programmpunkt.

Jeder Teilnehmer muss zu irgendeinem Zeitpunkt des Programms seine Biografie halten. Gewünscht ist, so ehrlich wie möglich so viel wie möglich deines Lebens zu erzählen. Im besten Fall: alles. In etwa einer Stunde.

Als ich erfuhr, was gefordert war, bekam ich einen Panikanfall.Glücklicherweise starteten die Biografien erst ab etwa der Hälfte des Programms. Meine war die vierte (im Dezember) und zu dem Zeitpunkt kam ich schon weitaus besser mit Zirkeln zurecht.

Sowohl die Biografie zu schreiben, als auch sie zu halten, war eine wertvolle und fördernde Erfahrung. Ich verstand eine Menge Dinge in Bezug auf mein Leben und mich selbst und fand Zusammenhänge, die mir vorher nie bewusst gewesen waren. In meinem Tagebuch hatte ich gelernt ehrlich zu sein und jetzt konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben mein ganzes Leben aufschreiben, so wie es tatsächlich war, mit all den Details und einschlagenden Tatsachen, die ich zuvor mir selbst und erst Recht allen anderen Menschen gegenüber verschwiegen oder verändert hatte, weil sie mir nicht gefielen.Bzw: nicht nur die Tatsachen, sondern mehr noch, wie ich mich damit fühlte. Ich kreierte keinen Buchcharakter, den ich mögen würde, ich schrieb über mich selbst.

Ich begriff, dass mein Leben nicht perfekt sein muss, damit ich zähle.

Und das, auf brutale Weise ehrlich mit sich selbst zu sein, ist auf gewisse Weise heilsam. Jeder sollte ab und zu eine Biografie schreiben.

Ich wollte die Biografie zwar nicht vortragen, trotzdem wollte ich, dass die anderen meine Lebensgechichte kannten.

Wollte, dass sie mich verstanden. Es ist etwas anderes sich über jahrelange Freundschaft kennenzulernen, als von jetzt auf gleich ein und dasselbe Leben zu teilen. Wenn Verständnis nicht über Jahre aufgebaut werden kann, über Handlungen, Reaktionen, gemeinsam Verbrachtes, ist eine Biografie eine ziemlich effektive Alternative.

Ehrlich zu sein fordert fast so etwas wie Trotz. Es ist, als würde man sagen „das ist die Wahrheit. Was du damit anfängst ist nicht meine Sache“.

Man macht sich verletzlich auf eine erschreckend tiefgreifende Weise. Normaler Weise passen wir zumindest unsere Wortwahl, meist auch was und wie viel wir erzählen, unserem Gegenüber an.

Ehrlich zu sein bietet die Möglichkeit zu sehen, dass du genau so sein kannst, wie du bist, mit all deinen begangen „Fehlern“, deinen Ängsten, deinen Schwächen.

Du lässt einfach los, all die Stricke, an denen wir uns Sicherheit erhoffen, und wirst aufgefangen. Und dann wirst du auf den Boden der Tatsachen gestellt.

Leben in Sha’ar la Adam (September 2017 bis Januar 2018)

Mein Rückzugsort in Sha’ar la Adam, der Ort an dem ich alleine sein kann, wann immer ich will, ist mein Bett.

Das obere Bett eines Etagenbettes, dicht unter der niedrigen Decke in einem kleinen Raum, den ich mit zwei bis drei Leuten teile. Dort sitze ich jetzt. Regen tröpfelt hörbar auf das Dach, draußen ist es dunkel. Unser mobiler Heizkörper läuft auf Hochtouren und trotzdem ist es kalt außerhalb meiner Decken.

Als ich ankam war es heiß. Heißer, als ich es jemals in meinem Leben erlebt hatte. Es war so heiß, dass wir noch Nachts schwitzten, ohne dass wir uns bewegten, und der Ventilator, der an der Decke unseres Raumes hängt, lief ununterbrochen.

Ich verbrachte viel Zeit in meinem Bett, ohne Decken, Fenster und Türen geöffnet, mit Blick auf unseren kleinen Wald, die Zelte, die Pfade. Und fünfmal am Tag zum Klang des Muezin.

Ich wohne in einer Community mit elf anderen Freiwilligen. Wir teilen vier Schlafräume, ein Wohnzimmer, eine große Küche, Duschen und Toiletten.

Meine Mitfreiwillige, Yonit, ist von der gleichen Organisation wie ich und kommt aus Hannover. Die anderen sind Freiwillige des Projektes TEN der Jewish Agency.

Projekt TEN ist ein internationales Projekt für junge Menschen mit jüdischem Hintergrund. Es umfasst fünf Monate.

In unserer jetzigen Gruppe sind Freiwillige aus Maine, California, Michigan, El Salvador, Australien und Israel. (Eine Israeli und eine Astralierin, die anderen sind Amerikaner).

Ich kam an in Sha’ar la Adam voller Vertrauen und Zuversicht. Obwohl die ersten Monate hier schwer waren, schwer wie nur wenige Dinge in meinem Leben, verlor ich beides nicht. Es wandelte sich. Der Enthusiasmus schwand, aber ich wusste durch all die Zeit, dass ich es, irgendwie, schaffen würde. Ich wusste, ich würde nicht aufgeben, also kämpfte ich.

Von Null auf Hundert in ein Community Leben einzutauchen, in dem ich nie allein bin, in dem ich non stop und in jeder Situation von Menschen meines Alters umgeben bin, war weitaus schwerer, als ich erwartet hatte. Ich hatte nicht erwartet, gleich am Anfang zu straucheln und an meine Grenzen zu geraten. Aber ich war fest entschlossen, nicht zu fallen. Nicht dieses Mal.

Da ich eine Woche später ankam als der Rest der Gruppe hatte ich von Anfang an das Gefühl aufholen zu müssen. Also wollte ich überall dabei sein, keine Minute verpassen.

Das sorgte nach wenigen Tagen dafür, dass ich so ausgelaugt war, dass ich gar nicht mehr in der Lage war irgendwie sozial zu agieren. Ich merkte schnell, wie wichtig es ist, Pausen zu machen, mir Zeit für mich zu nehmen, die Augen zu schließen, mich in meinem Bett, meinem einzigen „sicheren Ort“ zu vergraben.

Ich schrieb Tagebuch, Seiten über Seiten, und wurde immer ehrlicher mit mir selbst. Zum ersten Mal in meinem Leben schrieb ich alles auf, was ich dachte, fühlte, sah, auch wenn es mir nicht gefiel, auch wenn Teile meines Leben mir nicht gefielen.

Aufzuschreiben, festzuhalten, was ich tat und dachte half mir eine Menge zu realisieren, was schwierig für mich ist und wie ich damit umgehen kann.

Langsam, ganz langsam, wurde alles besser. Ich gewöhnte mich an die Menschen, daran, immer von ihnen umgeben zu sein, daran, Englisch zu sprechen, fand mehr und mehr Worte und kleine Momente, in denen ich okay war. Daran hielt ich mich fest und sie wurden mehr und mehr.

Sha’ar la Adam-Bab l’il Insan liegt auf einem Hügel im Wald.

Ich erinnere mich genau an das Gefühl, als ich ankam, in Faiz’s Auto. Es roch nach Kuhmist, war ungewohnt still und den Wald hätte ich nicht als Wald bezeichnet.

Sha’ar la Adam ist mein Lieblingsort auf Erden.

Unser Bereich besteht aus drei kleinen Gebäuden mit wenig rechten Winkeln und den Holzbauten für Duschen und Toiletten. Im Sommer kann man beim Duschen das Fenster öffnen und hinunter ins Tal blicken.

Ebenfalls zu Sha’ar la Adam gehört der Teil der „Forest People“, junge Israelis, die in Harduf das anthroposophische Grundjahr machen. Deren Teil besteht aus dem tatsächlichem Wald, Zelten, Jurten, einer offenen Küche, einer Feuerstelle.

Autos hören wir keine, dafür Flugzeuge.

Unsere Nachbarn sind das Beduinendorf Kaabiiyah und das anthroposofische Kibbutz Harduf.

Kaabiiyah grenzt direkt an „unseren Wald“, nach Harduf sind es zu Fuß ca. drei Minuten. Das nächstgelegene Gebäude ist der Kuhstall, dem gegenüber ein Pool liegt, der im Sommer täglich geöffnet ist. Dann kommt der Pferdestall und dann ist man mitten drin, zwischen waldorffarbenen und -geformten Gebäuden, bellenden Hunden, streunenden Katzen und kleinen Kindern.

Außerdem gibt es in Harduf eine Menge Freiwillige. Neben den deutschen Freiwiligen der Sozialtherapeutischen Einrichtung Beit Elisha gibt es eine Menge israelische Freiwillige und Studenten.

Für uns besonders interessant ist der Pub, der jede Donnerstag und Freitag Nacht geöffnet ist, und wo es Freitags tagsüber die besten Falafel gibt, die ich je gegessen habe, und der „Garbage“, ein überdachtes Regal, wo man, wenn man oft genug nachschaut, genug Kleidung finden kann, um sich komplett mit Secondhand Kleidung einzudecken, ohne einen Cent zu bezahlen.

Unser Zuständiger ist Faiz Sawaed. Er ist einer der Gründer von Sha’ar la Adam, zusammen mit Jakov und Ilse.

Faiz ist ebenso schwer in Worte zu fassen, wie die Beziehung, die wir Freiwilligen zu ihm haben….Wenn Faiz den Raum betritt, rufen alle „Faaiiiz“ und lächeln. Seine Lieblingsaussagen sind „I can’t believe“, „don’t worry“ und „don’t be sorry, take responsible“ (ja, das ist nicht ganz richtig, aber wen interssiert es).

Faiz ist in dem Beduinendorf Sawaed aufgewachsen, ein anderer Nachbar Hardufs. Er spricht Arabisch, akzentfreies Hebräisch und fließendes Englisch. Er ist auf gewisse Weise anthroposophisch und nach eigener Aussage ein besserer Jude als Jakov. (aber nicht in echt jüdisch).

Faiz ist einer dieser Menschen, für den man alles tun möchte, ohne das er drängen, nicht einmal darum bitten müsste, dem man vertraut, ohne ihn zu kennen und dem man sein Herz öffnen möchte, wenn man das erste Mal mit ihm spricht.

Faiz’s spontane Umarmungen sind heilsam.

Faiz ist ständig am Telefonieren, ständig überall gleichzeitig und überall gebraucht, was oft dazu führt, dass man sich mit ihm hinsetzt, um etwas zu besprechen und er, bevor man das Gespräch tatsächlich startet, noch fünfmal angerufen wird oder aufspringt, um kurz jemanden zu treffen, der ihn braucht.

Aber wenn Faiz da ist, ist er da. Er ist chronisch überarbeitet, aber trotzdem mit vollem Herzen dabei. Wenn er etwas tut, dann tut er es. Bei unserem unendlichstem Versuch ihn zu einer Pause zu bewegen, sagte er, auch wenn die Arbeit ihn erschöpfe mache sie ihn glücklicher, als nicht zu arbeiten.

Faiz’s Lieblingsbeschäftigung ist Menschen zu treffen. Scha’ar la Adam war und ist sein Traum und er ist das Herz.

Ich meine es vollkommen ernst, wenn ich sage, ohne Faiz wäre Sha’ar la Adam ein vollkommen unvergleichbar anderer Ort.

Ebenfalls wichtig für uns Freiwillige ist Yakov. Er ist Mitbegründer von Sha’ar la Adam und hauptsächlich für das Theater verantwörtlich. (Zusammen mit Lior, einem ehemaligem TEN Freiwilligen und Studenten). Außerdem kommt er regelmäßig zu unseren Coexistence Meetings.

Während Faiz auf stille Weise präsent und waise ist, nimmt Yakov allein durch seine Präsenz den Raum ein und was Yakov sagt ist schwer von Wahrheit.

Aufbruch

Am 10.10.2017 begann mein neues Leben.

Um 3:00 morgens verließ ich den Kieler Hauptbahnhof mit einem Fernbus zum Hamburger Flughafen und um 7:20 hob mein Flugzeug ab.

Im Gepäck hatte ich alles, was ich glaubte für ein Jahr zu benötigen. Nicht viel, verglichen mit was wir sonst in einem Jahr verbrauchen.

Ich war ruhig. Ruhig und gefasst und wann immer die Aufregung hochkam, schluckte ich sie hinunter.Ich war allein. Völlig allein, mit einer Adresse, ein paar Namen und wenn überhaupt, dann vagen Vorstellungen.

Auf dem Weg zum Gate in Istanbul wurde offensichtlich, dass ich im Begriff war nach Israel zu reisen.

Meine Tasche wurde durchsucht, ich abgetastet und gefragt, warum und wie lange ich in Israel sein werde.

„One year?!“ fragte der Angestellte. Und ich lächelte, ja, ein Jahr.

Im Wartebereich sah ich zum ersten Mal in meinem Leben orthodoxe Juden.

Ich bekam mein dreimonats Toursitenvisa mit zitternden Fingern und trat in die israelische Luft, Tel Aviv, Ben Gurion Airport.

Und die Luft war heiß und weich wie Sahne, es war ca 19:00.

Ich fühlte mich frei, so frei wie nicht mehr, seit ich in Mitten der Alpen über Gipfel geklettert bin.

Frei und voller Vertrauen auf irgendetwas. Dass alles irgendwie funktionieren würde. Irgendwie irre…

Vorbereitungen

Nun ist es schon einige Zeit her, seit ich das letzte Mal etwas geschrieben habe und vieles ist seitdem passiert! Auch wenn die Zeit mal lang und schleppend langsam, mal kurz und flüchtig erscheint, so vergeht sie doch in einem fort und auch tatsächlich, man glaubt es kaum, gleichmäßig.

In meinem Kalender zähle ich noch nicht die Tage, aber die Wochen. Dreiundzwanzig sind es nun noch. Oder nur noch?

Endlich scheint die Sonne wieder und das macht gleich alles einfacher. In den letzten drei Wochen ist mehr passiert, als in den drei Monaten davor.

Es geht voran und das ist beruhigend und aufregend zugleich. Dank einiger großzügiger Spenden und vieler lieber Unterstützer sieht mein Spendometer nun schon viel besser aus. Es ist über die schönen Waldorf-Regenbogenfarben nun schon von hellgelb zu meerblau geworden und ich habe mit 1953€ schon etwas mehr als zwei Drittel meines Richtsatzes eingesammelt.

Hier noch einmal einen ganz herzlichen Dank an all diejenigen, die dazu beigetragen haben!!

Und vielen Dank im Vorraus an diejenigen, die mir mit dem Rest noch helfen werden! 😉

Neben dem Spendensammeln stehen nun auch noch einige andere und ebenso wichtige Dinge auf meiner To-do-Liste. Ein ganz wichtiger ist bereits abgehakt: die Flüge nach Israel sind gebucht!! Am 10.09. geht es los.

Außerdem bin ich geimpft (woraufhin ich gleich eine Woche krank geworden bin) und habe mich für das Vorbereitungsseminar im Sommer angemeldet, die letzte Maßnahme in Deutschland, bevor der Dienst beginnt 🙂

Nun steht mir noch eine Menge Papierkram bevor, bis das soweit ist.

Spendenaufruf

Liebe Besucher, ich freue mich über euer/Ihr Interesse an meinem Projekt!

Selbstverständlich kostet ein Freiwilligendienst, der mit viel organisatorischem Aufwand und weiten Reisen verbunden ist, Geld. Damit jede/r Jugendliche die Möglichkeit hat an einem solchen teilzunehmen, gibt es Programme, die gewährleisten, dass ein großer Teil der Kosten über staatliche Förderungen gewährleistet wird. Ein kleinerer Teil wird durch die Freiwilligen in Form von Spenden eingeworben.

Für weitere Informationen füge ich meinen offiziellen Spendenbrief ein:

spendenbrief.pdf

Ich freue mich über jede Unterstützung!

Warum ein Freiwilligendienst-Warum Sha’ar la Adam-Bab l’il Insan?

In der Hoffnung, dass man meinen Wunsch, diesen, und genau diesen Freiwilligendienst zu machen, besser nachvollziehen kann, füge ich hier den Text des Motivationsschreibens ein, mit dem ich mich bei Sha’ar la Adam-Bab l’il Insan beworben habe. Und genommen wurde 🙂

 

In dem Wirrwar dieser Welt ein wenig Klarheit und möglicherweise einen eigenen Platz finden…

 

Ich wollte schon immer, zumindest fühlt es sich so an, so viel wie möglich von der Welt sehen. Von dem einen kleinen Punkt aus, an dem man sich im Alltag bewegt, scheint es unmöglich, alle Facetten zu erfassen, vorurteilslos urteilen zu können. Ich möchte nicht über den Tellerrand, nein, aus der Suppenschüssel blicken, denn der Rand, errichtet aus Bildern, Informationen, seit Generationen eingeprägten Vorurteilen, ist viel höher, als man wahrscheinlich denkt.

Ich glaube, die Welt ist weder so grausam, wie uns berichtet wird, noch so rosafarben und heil. Ich möchte dorthin, an die Orte, die beinahe täglich unsere Medien füttern, aber auch an die, die nie erwähnt werden. Ich möchte mir mein eigenes Bild machen von der Welt, in der ich lebe. Ein Bild aus Gesichtern, Worten und Erfahrungen.

Seit dem Herbst 2015 beschäftige ich mich intensiv mit Menschen, die wegen des Krieges oder persönlicher Verfolgung ihr Heimatland verließen und in unseres flohen. Ich versuche ihnen zu helfen beim Ankommen im fremden Land, zwischen fremden Menschen und fremden Sitten. Ich vermittele ihnen Halt und Mut und stehe ihnen in Situationen bei, in denen ich durch meine Erfahrungen in diesem Land einen Vorteil habe.

Ich habe dort gelernt, wie wichtig es ist, und wie viel es bewirkt, einzelnen Personen zu helfen. Es wird so oft von Massen gesprochen. Von Flüchtlingen, von Unterdrückten, Verfolgten, Arabern, Juden. Aber das sind keine Massen. Das ist kein gesichtsloser Brei, den man gesammelt bewegen muss. Das sind einzelne Menschen, wie jeder von uns, mit eigenen Geschichten, unverwechselbaren Gesichtern.

Dass diese Tatsache so schnell in Vergessenheit gerät, ist ein echtes Problem. Wenn man vor der Aufgabe steht, Millionen von Flüchtlingen ein Leben zu ermöglichen, kann man nur kapitulieren. Wenn man aber auf einen einzelnen Menschen zugeht und diesem die Hand reicht, kann man konkret etwas bewirken!

Diese Erfahrung zu machen hat mir unglaubliche Freude bereitet. Und ich bin fähig aus ihr eine Motivation zu schöpfen, die vorher nicht dagewesen ist. Der Wunsch, all die Probleme dieser Welt zu lösen, drohte ständig, mich zu erdrücken. Ein einzelner Mensch kann nicht alle Probleme dieser Welt auf einmal lösen! Aber ein einzelner Mensch kann einzelne Probleme eines einzelnen Menschen lösen, kann ihn dabei unterstützen. Und wenn viele einzelne Menschen dies tun, werden viele Probleme gelöst.

 

Palästina und Israel, Orte, an denen die Wurzeln mehrerer Religionen verankert liegen, an denen mehrere Kulturen nebeneinander existieren, haben mich schon seit langer Zeit stark fasziniert. Ich möchte alle diese Kulturen kennenlernen, möchte sie schätzen und verstehen und auch dort die „Massen“ zerpflücken in einzelne Gesichter, die man niemals alle in einen Pott werfen sollte.

Die Idee, tatsächlich dorthin zu reisen und dort einige Zeit zu verbringen entstand aus meinen Erfahrungen mit den arabischen Menschen in Deutschland. Sie kamen in ein fremdes Land, in eine fremde „Kultur“. Und ihre Kultur ist den Deutschen ebenfalls fremd. Ich wollte sie kennenlernen. Möchte sie so verstehen, dass ich aus der Kultur entspringende Handlungen nachvollziehen kann.

 

Über den Konklikt zwischen Palästina und Israel wird so viel berichtet und so viel haben wir tatsächlich damit zu tun! Wir haben diesen „Konflikt“ beeinflusst und dieser Konflikt beeinflusst uns. Ich möchte vor Ort sein, möchte mit den Menschen dort leben und erleben, was tatsächlich passiert. Ich möchte nicht, dass jemand ein Bild für mich schafft, ein maßgeschneidertes, zurechtgestutztes Bild, ein Bild von Massen. Ich möchte ein Bild aus Gesichtern, Geschichten und Erlebnissen.

Die Begegnungsstätte Shar’ar laAdam – Bab l’il Insan scheint genau das darzustellen, was ich mir wünsche.

Einen Ort, an dem Menschen verschiedener Kulturen sich begegnen, gemeinsam lernen, musizieren, theaterspielen, gemeinsam leben. Einen Ort, an dem man die Möglichkeit hat, den anderen kennenzulernen, etwas von ihm zu erfahren, ihn zu verstehen. Aber vielleicht auch, ihn als gar nicht anders wahrzunehmen. Als einen anderen Menschen. Einen Menschen von Milliarden, mit einer eigenen Geschichte, der nur für sich selbst steht.

Und so möchte ich viele Menschen kennenlernen. Möchte sie schätzen und lieben und in meine Gedanken, Entscheidungen und Urteile mit einbeziehen.

 

Ich möchte nicht nach Israel kommen als Bürgerin eines vorbildlichen Industrielandes. Ich glaube nicht, dass ich den Menschen dort in irgendeiner Weise voraus bin! Und ich glaube auch nicht, dass ich etwas in diesem „Konflikt“ bewirken kann und sollte. Aber ich könnte Teil einer Gemeinschaft werden, die sich über die Grenzen zwischen Kulturen, Religionen und Herkünften hinwegsetzt, die nur in unserer Vorstellung existieren. Ich könnte Dinge geben und Dinge nehmen, Dinge teilen mit anderen Menschen. Und teilhaben an einem Projekt, dass vielleicht ein Beispiel darstellen kann.

 

Ich möchte die Erfahrungen, die ich dort sammele, nutzen, sobald ich zurück in Deutschland bin. Für mein Verständnis gegenüber den Menschen dort und den Menschen dieser Kulturen in Deutschland. Und wenn es mir möglich ist möchte ich andere Menschen an diesem Verständnis teilhaben lasen, möchte daran mitwirken, eine Zusammenarbeit zu ermöglichen.

 

Ich möchte meine Weltoffenheit nutzen, um möglichst viele Sichtweisen auf diese Welt zu begreifen. Und dieses Wissen möchte ich nutzen, um Missverständnisse zu verhindern und Menschen verschiedener Herkünfte einander näher zu bringen.

 

Ich möchte so viele Blickwinkel, Sichtweisen und Eckpunkte wie möglich kennenlernen. Ich möchte lernen, sie alle zu verstehen und zu akzeptieren, um mir aus diesem Wissen irgendwann meinen eigenen Weg zu bilden, mit dieser Welt umzugehen.

 

Sha’ar la Adam-Bab l’il Insan

Sha’ar la Adam-Bab l’il Insan, ein Name, der sich aus der hebräischen und der arabischen Bezeichnung zusammensetzt, bedeutet auf Deutsch in etwa Tor zum Menschen oder auch Tor zum Menschsein.

Die anthroposophische Begegnungsstätte liegt in Galiläa, zwischen Haifa und Nazareth, in einem Wald, umgeben von mehreren arabischen Dörfern und einem Kibuz. Dort finden unterschiedlichste Projekte statt, bei denen arabische und jüdische Menschen sich begegnen, austauschen und in irgendeiner Weise miteinander handeln können.

Inzwischen wird die kleine Begegnungsstätte von Menschen aus aller Welt besucht. (So wie von mir).

Zu den Aufgaben der Freiwilligen gehören die Unterstützung des Englischunterrichts in der Schule des arabischen Dorfes Ka’abiya, die Mitarbeit in der sozialtherapeutischen Einrichtung des Kibuz Harduf und natürlich die Mitarbeit in der Begegnungsstätte selbst, bei Vorbereitungen der anstehenden Projekte, dem Ausbau des Geländes und vielem mehr.

Ich denke diese kleine Einrichtung, die inzwischen ein erstaunlich großes Netzwerk geschaffen hat, hat das Potenzial eine Zukunft zu schaffen, in der vielleicht nicht nur ein Nebeneinander, sondern sogar ein Miteinander ermöglicht werden kann. Sie ist eine Umsetzung all der Worte, die über Gleichheit und Zusammenarbeit gesprochen werden. Und wer das Glück hat, daran teilnehmen zu können, wird diese Erlebnisse mit Sicherheit nie wieder vergessen.

Tor zur Welt eV. ist der deutsche Verein der Begegnungsstätte. Ich füge hier den Link zu der Seite des Vereins ein, für diejenigen, die an näheren Informationen zu Sha’ar la Adam-Babl’il Insan interessiert sind. www.torzurwelt-ev.de

Ansonsten werde ich während meines Dienstes regelmäßig über das dortige Leben berichten 🙂

237 Tage

Genau 237 Tage sind es heute noch, bis mein Freiwilligendienst in Israel beginnt.

11 Monate werde ich in der Begegnungsstätte Sha’ar la Adam-Bab l’il Insan leben, arbeiten und lernen.

Dass ich tatsächlich einen Platz in meiner absoluten Traumeinsatzstelle bekommen habe, macht mich immer noch glücklich, wenn ich nur daran denke. Und ich denke oft daran. Eigentlich immer.

Denn ein Jahr lang in einem fremden Land, unter fremden Menschen, mit einer fremden Sprache zu verbringen, ist etwas, was zumindest ich nicht tun kann, ohne ein bisschen darüber nachzudenken. Ich versuche mir vorzustellen, wie es dort ist, wie es sein wird, wenn ich dort bin. Was ich dafür brauche, was ich vielleicht nicht habe. Ob ich etwas brauche. Ob es sehr schwer sein wird, oder ganz leicht, oder am Anfang schwer und dann ganz leicht.

Ich stelle mir vor, dass es eine Erfahrung wird, die ich nie wieder vergesse. Dass ich Dinge erleben werde, die sich tief verankern und mein Leben prägen werden. Und dass ich, wenn ich eine Weile dort bin, nicht mehr zurück möchte.

Natürlich wird das Darübernachdenken noch dadurch gefördert, dass ich jedesmal, wenn ich von meinem Projekt erzähle, auch daran denke. So wie jetzt. Und ich erzähle oft davon!

Jetzt habe ich endlich das Gefühl, dass es los geht und dass ich zumindest einen kleinen Stein auf dem Weg voller Geröll angestupst habe.

Mein Spendometer zeigt einen Stand von genau 3€ an. Und die habe ich von meiner Mitfreiwilligen bekommen, die ich vor ein paar Wochen kennenlernen durfte, was mich sehr gefreut hat!

Außerdem denke ich sehr gerne daran. Auch wenn ich dann gelegentlich von der Gegenwart überrascht werde. Die ja irgendwie noch da ist.Und ich frage mich, ob sich das irgendwann legen wird, wenn ich mich an diese Gedanken gewöhnt habe. Oder ob es einfach immer mehr wird, in diesen 237 Tagen.

Wie schnell sie wohl vergehen?